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Warum ich keine Tageszeitung abonniere

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Vor einiger Zeit, und nun wieder neu, ist die Debatte um Tageszeitungen aufgeflammt – respektive, ob man sich auch über andere Quellen genügend über das Tagesgeschehen informieren kann.

Ich habe damals und auch heute eine klare Meinung: Auch wenn ich schätze, was alles an Inhalt in einer Tageszeitung drin steht, so gehöre ich zur „Gratiszeitung“-Generation. Wobei ich seit Twitter auch kaum mehr Gratiszeitungen lese, weil mich Twitter viel informativer und interaktiver dünkt. Die Tageszeitungen haben in meinen Augen sehr viele Nachteile:

–       unhandliches, grosses Format (wenn man nicht damit aufgewachsen ist, versteht man auch nicht einmal, weshalb Tageszeitungen so ein mühsames Format haben müssen)
–       viel zu umfangreich (grosser Druck, täglich so viel zu lesen)
–       Kosten
–       Umweltgedanken
–       Keine Interaktion möglich

Ich weiss nicht, wie lange jemand liest, der eine Tageszeitung gründlich liest. Ich stelle mir vor, dass man mindestens eine Stunde braucht, um ungefähr zu wissen, was da alles steht. Nun bin ich bekannterweise ein Nachtmensch. Morgens 1h Zeitunglesen kommt für mich schlicht nicht in Frage. Leider gehöre ich auch nicht zu den erlauchten Kreisen, die ihre Zeitung ins Büro nehmen und dort noch gemütlich Zeitunglesen. Am Abend die Tageszeitung mit Infos vom Vortag zu lesen, wenn es die Tagesschau, 10vor10 sowie Nachrichtenportale, Twitter und Blogs gibt, finde ich dann schon ziemlich ineffizient und unlogisch.

Ich bin mir bewusst, dass ich vielleicht auf diese Weise nicht alles mitbekomme. Jedoch kann ich über Twitter sehr gut steuern, was für Personen mit welchen Interessen ich folge. Ich wage zu behaupten, dass unter den rund 850 Personen, denen ich folge, sehr viele sehr belesene, interessierte und gebildete Personen mit differenzierten Meinungen sind. Durch sie wurde ich schon auf viele Artikel oder Diskussionen aufmerksam, die ich sonst verpasst hätte.

Es mag sein, dass ein Abonnent einer Tageszeitung den breiteren Überblick hat – was ihm dafür fehlt: Die Volksstimme, was die Personen wirklich denken, was sie austauschen, was sie kommentieren etc. Die wenigen Leserbriefe werden kaum ein ähnlich lebhaftes und unzensuriertes Bild liefern wie Kommentare auf Twitter oder in Nachrichtenportalen (die oft zum Schreien sind, aber auch das ist eine Realität). Bei Twitter „kennt“ man die verschiedenen Leute und ihre Haltungen mit der Zeit und kann deshalb ihre Kommentare relativ gut einordnen.

Eine weitere Frage, die sich mir stellt (bin auf eure Kommentare gespannt!): Wieviel der Inhalte bleiben wirklich im Kopf hängen, wenn man Tag für Tag 1-2 Stunden in einer Tageszeitung liest? Meine Frage an die täglichen Zeitungsleser: Wenn man Sie nach der Lektüre fragen würde, was Sie über das soeben Gelesene noch wissen – wie viel könnten Sie erzählen? Ich frage dies, weil ich mir auch überlege, ob man sich in eine gewisse „Pseudo-Informiertheit“ hineinsteigert. Man glaubt zwar, wahnsinnig viel zu wissen und zu lesen – aber wieviel davon einen Tag, eine Woche oder einen Monat später wirklich noch im Gedächtnis vorhanden ist, frage ich mich ernsthaft, da eine Tageszeitung sehr viele Informationen und Artikel enthält. Falls man argumentiert, man lese nur ausgewählte Artikel und somit nur einen Ausschnitt aus der ganzen Zeitung, dann wären wir wiederum bei der Frage, ob ein „Ausschnitt“ nicht ebenbürtig ist mit den Informationen, die auf Twitter, in den Nachrichtenportalen und in der Tagesschau / 10vor10 kursieren.

Warum jemand wie Herr Gossweiler dermassen gegen eine Generation schiesst (ich wage zu behaupten – jeder kennt die sinkenden Auflage-Zahlen der Tageszeitungen – was zeigt: ich bin nicht alleine mit meiner Haltung) anstatt sich zu überlegen, wie man an die jüngere Generation herankommt, befindet sich ausserhalb meines Vorstellungsvermögens. Wäre ich ein Journi, dessen tägliches Brot von interessierten Lesern resp. Zeitungsabos abhängt, würde ich wohl zuletzt gegen die Leute schiessen, die auch in ein paar Jahrzehnten (in welcher Form auch immer) zu meinen Brötchen beitragen sollten.

34 Comments

  1. Auf die Schnelle 2 Gedanken:
    – Die Volksstimmen zu kennen ersetzt in keiner Art und Weise das Wissen um Informationen, Fakten, Abläufe. Wie sonst willst du LeserInnenkommentare/Tweets einordnen?
    – Information-overflow ist nicht auf Zeitungen beschränkt – oder bleibt bei dir alles hängen, was du auf Newsportalen oder via Twitter liest?
    Mit dem Format der ch Zeitungen bin ich übrigens zufrieden in Anbetracht der “Leintücher”, die einem im UK bspw. als seriöse Zeitungen serviert werden (wurden??).

    • Danke für deinen Input. Das sehe ich gleich, natürlich ersetzt die Volksstimme nicht die Kenntnis über Fakten / Abläufe. Jedoch hilft es mir beispielsweise klar, einen Artikel einzuordnen, wenn ich zuvor oder danach die Haltung von anderen Politikern oder sonstigen Personen, mit denen ich auf Twitter unterwegs bin und die ich sehr schätze, lesen kann.
      Ja, Information-overflow ist auch online ein Thema. Aber da scheint man sich eher bewusst zu sein, dass viele Informationen “flüchtig” sind, nicht für die Ewigkeit geschrieben. Ich finde es ist ein Unterschied, sich bewusst zu sein, nicht ganz im Bilde zu sein (online) oder zu meinen, man hätte dank einer Tageszeitung den ultimativen, umfassenden und alleinseligmachenden Blick auf das Tagesgeschehen.

  2. Pingback: Warum man trotzdem eine Zeitung braucht: Meine Antwort auf Tania Woodhatchs Blogtext | SILVER TRAIN

  3. Ich komme aus einer Familie, in der immer zwei Tageszeitungen abonniert gewesen waren – eine lokale und eine aus Zürich. Auch in den WGs, in denen ich gewohnt habe, waren stets mehrere Tageszeitungen abonniert. Heute gibts in meinem Haushalt noch die NZZ, die WOZ und den Beobachter – aber in meinem Fall nur aus ideologischen Gründen: Ich lese darin kaum. Ich habe schon immer selektiv Zeitung gelesen – eine Stunde für eine Lektüre der ganzen Zeitung hatte ich nie. Ich finde das Lesen von News in wenigen Fällen ergiebig, hilfreich sind Texte, die eine Einordnung, eine Neuorientierung ermöglichen. Die finden sich in guten Tageszeitungen – und dann immer auch auf den Profilen in den Social Networks. Ich lese eigentlich nur noch Twitter, Feeds und Facebook – und erhalte wichtige Texte oft sogar persönlich zugeschickt. Ich denke nicht, dass ich so etwas verpasse – aber ich weiß, dass ich keine Möglichkeit habe, die Journalistinnnen und Journalisten zu entschädigen, die dafür arbeiten. Ich verstehe das Problem von Andreas Gossweiler – aber sein Kampf ist einer gegen Windmühlen. Was wir tun ist legal und sinnvoll – wir informieren uns breiter, lesen Zeitungen aus dem Ausland, diskutieren mit den Autorinnen und Autoren, sind näher am Geschehen dran. Aber auf die Dauer werden immer weniger Menschen Geld dafür erhalten, Journalismus zu betreiben. Journalismus darf aber kein Hobby sein. Und nun weiß ich nicht mehr weiter – nach x Artikeln über die Zukunft des Journalismus bin ich kein bisschen schlauer. Für mich helfen nur staatliche Pools oder Finanzierung über innovative Werbeformen. Leserinnen und Leser werden mittelfristig für Texte nichts mehr bezahlen.

  4. Leserinnen und Leser werden mittelfristig für Texte nichts mehr bezahlen.

    Da habe ich eine andere Hoffnung.

    Ich sitze in dieser Debatte irgendwo in der Mitte. Hatte Familie in der Lokaljournalisten-Gilde, habe selbst das Voluntariat gemacht und für mich sind Zeitungen ganz generell eine Institution, die wichtig und nötig ist.
    Und andererseits läuft mein Informationsfluss mehr und mehr digital ab, mehr und mehr nur noch auf Inhalt abgezielt, mehr und mehr weg vom traditionellen Printjournalismus, der in der Schweiz schon seit Jahrzehnten (Beginn Zusammenlegung verschiedener Tageszeitungen und die Beerdigung der Lokalausgaben der ‘Tagblätter’) am Kämpfen ist.

    Das Problem ist schnelle Übertragung der Information als Inhalt. Meist wissen wir schon einen halben Tag über eine Tatsache Bescheid, bevor wir die Tageszeitung aufschlagen, wo wir noch einmal darüber informiert werden. Das schafft eine gewisse Redundanz, die dann bei vielen zu einem ‘Wozu dafür noch Geld ausgeben?’ führt.

    Der einzige Weg ist hier pointiertes Kommentieren (welches die Schweizer Journalisten erst langsam für sich entdecken), denn am Ende wird es das sein wofür die Leute bezahlen möchten: Was sagt eigentlich XYZ dazu? (Eine erweiterte Form dessen, was Tania anspricht, wenn sie von den Twitterempfehlungen spricht.)

    Meine Hoffnung, dass die Leute für Texte bezahlen werden, basiert hierauf, nicht mehr nur auf einfachem Synthetisieren von Inhalten und Umständen.

  5. Liebe Tania _ Medienkultur ist so eigenständig wie jedes Individuum. Kind, Frau + Mann will frei entscheiden, was wann, was wie, was wo, was warum gelesen wird. Die Medieninflation ist groß – und wird tausendstel-sekundenschnell größer und größer. Mein Vater, Jahrgang 1928, liest Beobachter. Mein Sohn, Jahrgang 1988, bevorzugt Online-Publikationen. Zwischen beiden Generationen liegt exakt ein halbes Jahrhundert – Medienmässig sinds 50 Lichtjahre. Augenzwinker: Ich schreibe während der Fahrt mit der Sihltalbahn von Sood Oberleimbach nach Zürich meine Zeilen für Dich auf meinem iPad.
    Visavis von mir sitzt ein Vater mit zwei kleinen Mädchen zwischen 5 und 7 Jahren. “Hey schau Papa ich will auch ein iPad…” …sagt die kleinere. Nichtsdestotrotz. Qualitypapers werden eine Wiedergeburt erleben – und das Individuum wird bereit sein, den angemessenen Preis zu bezahlen. Dies in Kombination mit Twitter und Nachfolge-Innovationen. Ohne klassische oder moderne Schubladisierung wird der Mensch beides lieben und nutzen. Ein kleiner Unterschied ist doch bedenkenswert: Die klassische Tageszeitung überwacht uns nicht, ist sozusagen autonomer _ Herzlich, Ronny

  6. Du sagst zu recht: Die Auflagenzahlen der meisten Zeitungen sinken, ihre Nutzung schwankt in den meisten Fällen. Aufgestiegen sind in jüngerer Zeit nur Sonntags- und Gratiszeitungen. Neuerdings ist auch das Fernsehen davon betroffen. Es ist offensichtlich, dass sich ein Teil des Konsums ins Internet zu den neuen sozialen Medien und ihren Kanälen verlagert hat. Alles was man darüber weiss, verweist auf einen eigentlichen Generationenbruch, den Du, wie du selber sagst, reflektierst.
    Ob wir einzelne Menschen fein säuberlich nach Alter, Geschlecht und Herkunft in den einen oder anderen NutzerInnen-Topf stecken können, wage ich zu beweifeln. Mit Ausnahme der ganz jungen NutzerInnen neigen die meisten NutzerInnen nämlich dazu, gleichzeitig die verschiedenen Typen von Medien zu gebrauchen; die einen für die Schnellstinfo, andere für die Vertiefung; die einen für die Unterhaltung, andere für die Informationen, usw.
    Hauptursache ist für mich die Individualisierung der Lebensverhältnisse, der täglichen Lebensgestaltung, des Zusammenspiels von Arbeit und Freizeit, und der Zeiten der intensiveren direkten sozialen Beziehungen und der weicheren medialen Interaktionen.
    Ich vermute, dass bei den meisten Menschen das Verhältnis der Nutzung verschiedener Medientypen über die Zeit variiert. Ob das ein linearer Trend ist, der uns damit zeigt, wohin die Reise geht, weiss ich nicht, ich bin aber skeptisch. Vielmehr dürfte es eine Folge von veränderter Nachfrage und neuen Angeboten auf dem Medienmarkt sein.
    Dem weiter nachzuspüren, fände ich spannend.
    Die Debatte zwischen Gossi und KueddeR aufzuwärmen, halte ich aber für vergebene Liebesmüh, für zahlreiche der Follower, die den einen oder andern (oder deine Tweets) schätzen, möglicherweise sogar für eine unangenehme Belastung.

    • Danke Claude für diesen Kommentar. Es liegt mir fern, eine Einschätzung aller Personen machen zu wollen. Es ging mir hier lediglich um eine Erklärung (weil ich oft angegriffen werde) warum ich persönlich kein Tageszeitungs-Abo habe – und im Kern ging es ja um die Frage, ob “man” überhaupt informiert sein kann ohne Tageszeitungs-Abo. Da würde mich schon deine Meinung interessieren. Denkst du, kann sich eine Person auch ohne Tageszeitungs-Abo ausreichend informieren oder nicht?

      Ich finde Tageszeitungen nicht per se schlecht, sie passen einfach nicht in mein Lebenskonzept des viel Unterwegs- und Onlineseins, sowie des konstanten Austausches auf Twitter und anderen sozialen Medien.

      • Ich kann es allgemein nicht beantworten. Meine eigene Erfahrung spricht für eine differenzierte Zwischenbilanz:
        Im Lokalen würde ich niemals auf Tageszeitungen verzichten wollen. Zwar habe ich meine Online-“Informanden” auch hier, aber deren Auswahl ist zu stark durch mein Beziehungsnetz 1.0 geprägt.
        Anders verhält es sich beispielsweise bei der Auslandberichterstattung. Ich wage zu behaupten, dass sich, namentlich seit ich twittere, besser informiert bin, mindestens über das was in den USA geht, oder in Frankreich oder in Oesterreich. Schwieriger ist es aber mit Ländern, deren Sprache ich nicht kann, zum Beispiel Russland, China oder Griechenland. Bei den englischen Berichten habe ich zu sehr den verdacht, sie seien “gesteuert”.
        Auf nationaler Ebene ziehe ich selber einen Mix vor: Tagesschau (wann und wie auch immer ich sie sehe), NZZ, und je nachdem Blick, Le Temps, Tagi, BaZ halte ich für unverzichtbar.
        Ich merke, dass ich sie weniger lang lese, aus Tagesschau und NZZ auch nicht regelmässig, ich schätze sie aber, weniger wegen der Information, mehr wegen der Uebersicht oder Einordnung.

  7. Wir haben bei uns zu Hause auch nur das Beobachter-Abonnent, im Geschäft erhalte ich die Handelszeitung, online lese ich diverse CH-Zeitungen, aber ohne Abo. Im Moment geht das noch gut, falls es diese Infos aber tatsächlich irgendwann nur noch bezahlt gibt, werde ich mir ein Online-Abo zutun.
    Das Problem ist wohl, wenn niemand bereit ist, für Informationen zu zahlen, wer ist dann bereit, diese ins Netz zu stellen. Bei einer Zeitung (Papier oder Online) habe ich zudem das Gefühl, dass ich doch noch einen etwas ausgewogenen Mix erhalte. Wenn ich mich nur über Twitter/Blogs etc informiere, ist die Gefahr gross, dass ich selber sehr selektiv lese und daher nur das an Info erhalte, was ich effektiv lesen möchte, was in mein Weltbild passt.

    Ich glaube immer noch daran, dass Journalisten so unabhängig wie möglich informieren möchten, sie sollen dafür aber auch bezahlt werden, sprich Lohn erhalten, wie jeder Arbeitnehmende hier im Land. Schliesslich erbringen sie eine Leistung wie andere Arbeitnehmende und haben Kosten, die gedeckt werden müssen.

  8. Selbstverständlich ist es nicht gleichwertig ob ich bei der Lektüre einer Zeitung (gedruckt oder online) SELBST entscheide – z.B. anhand der Überschrift oder der Kurzzusammenfassung – ob ich einen Artikel lese oder nicht, oder ob ich mich lediglich auf das verlasse was ANDERE mir per Twitter oder anderen Kanälen übermitteln.

    Ich persönlich hab eine gedruckte Wochenzeitung abonniert, weil es dort viel detaillierte Berichte und Hintergrundinfos gibt als online. Wer mal wieder eine gedruckte Zeitung liest, stellt fest, daß viele Zeitungen ihre Webseite quasi nur als Mülleimer verwenden.

    Ich schaue aber jeden Tag selbst kurz auf den größeren nationalen und internationalen Webseiten rein – weil ich wissen will wie über die großen Themen in verschiedenen Medien berichtet wird. D.h. ich ruf kurz mal sueddeutsche, faz, taz, spiegel, guardian, nytimes, foxnews usw. auf. Nicht das ich dort jedesmal alles lese, mich interessiert mehr der unterschiedliche “Spin” den ein und dasselbe Ereignis dort bekommt.

    Meiner Meinung nach ist das das eigentliche tolle am Internet – man muss sich nicht auf eine Nachrichtenquelle verlassen.

  9. Tageszeitungen sind für mich irrelevant. Was in meiner Stadt passiert, dafür habe ich eine Internetzeitung, die mich soweit es geht objektiver informiert, als die Tageszeitung und die wenigstens auch mal Handlungen im Interesse der Bürger hinterfragt. Ich habe es mit einer Wochenzeitung probiert und sie wieder abbestellt. Im Format zu groß, als dass ich sie ohne Affenarme flätzenderweise einfach lesen könnte und viel zu viele Themen, die mich absolut nicht interessieren. Ich habe einen Newsletter einer Zeitung. Ich hatte zwar schon erwogen, sie zu abonnieren, aber mich interessieren auch viele Themen nicht allzusehr und es steht mir auch viel zu viel drinnen für einen Tag. Für mich trifft dabei zu, dass ich das Wissen nicht monatelang abruf bereit hätte. Ich würde es vorziehen, man könnte bei meiner bevorzugten Zeitung, bei der ich den Newsletter beziehe, einzelne Artikel kaufen, was ich aus Solidarität für dieser Zeitung gern machen würde, geht aber nicht. Meine laufenden Informationen über das aktuelle Geschehen beziehe ich aus den Nachrichtensendungen, die Einordnung dessen hole ich mir aus dem Internet z.B. von den Nachdenkenseiten und anderen informativen Blogs außerhalb des Mainstreams. Ich sehe nicht ein, dass ich eine Tageszeitung kaufen soll, die nicht meine Interessen vertritt, sondern die großer Geldgeber, auch wenn sie – wie bei der TAZ – mal erlauben, dass andere Meinungen ein bisschen vertreten werden können, ein klein wenig nur, so dass es nicht weh tut. Twitter und Co. sind für mich auch nicht relevant, da ich so viele Folger gar nicht mehr überblicken kann und will. Ich habe eine kleine, feine Auswahl von RSS, denen ich folge. Das reicht mir.

  10. Wer sich nur über die Tagesschau, 10 vor 10 und Gratistageszeitungen informiert erhält nur oberflächliche Informationen. Um Zusammenhänge zu verstehen und sich nicht nur über das informieren zu lassen, was die (Billig)-Presse wichtig findet, der kommt nicht um eine gute Tageszeitung herum. Seriöser, unabhängiger Journalismus hat seinen Preis! Da kann in einem Zoo ein putziger Eisbär sterben, die halbe Welt beschäftigt sich damit. Da sterben in irgend einem Konflikt in Afrika tausende Menschen – niemand regt sich darüber auf – das interessiert eben keine Gratiszeitung und kein Schweizer Fernsehen. Ich will damit sagen: wir werden noch manipulierbarer. Lassen wir uns nicht bloss von Sensationslust und Oberflächlichkeit treiben – ein schwieriges Unterfangen, aber versuchen wir es.

    • Es gibt leider kaum noch eine Tageszeitung (mit ganz wenigen Ausnahmen, die um ihr Überleben kämpfen), die die Interessen der arbeitenden Bevölkerung vertreten. Wir werden jeden Tag mit neoliberalem Gedöns zugestopft. Uns wird nur noch das gesagt, was die alles beherrschenden Besitzer uns mitteilen wollen. Davon sind keine großen – vormals seriösen – Tageszeitungen gefeit. Die leben von Werbung. Das sagt doch wohl alles: Wessen Brötchen ich ess, dessen Lied ich sing. Dafür gibt es genügend Blogs mit gut recherchierten Artikeln außerhalb des Mainstreams – vielfach von Journalisten, die dem Theater etwas entgegensetzen.

    • Danke Marianne für deinen Kommentar. Ich verstehe deine Sicht, aber weiss nicht, ob du auch die Online-Artikel kennst von ZEIT oder Tageswoche oder auch mal vom TagiMagi. Ich habe bei den drei erwähnten schon sehr lange, ausführliche und differenzierte Artikel gelesen – das Gegenteil von oberflächlich.

      Ich bin mit dir einig, dass wenn man keine Tageszeitung hat, man vielleicht gewisse Zwischentöne verpasst. Wenn man jedoch wiederum sehr gute Online-Artikel hat, scheint es mir, dass man trotzdem ein recht gutes Bild der Geschehnisse und Hintergründe erhalten kann, immer im Wissen, dass es nicht vollständig ist.

  11. Weder will ich mich grundlegend in die Debatte einmischen, noch die Meinung in diesem blog-Eintrag generell kritisieren. Trotzdem sind da in der Argumentation m. E. zwei grobe Schnitzer drin: Die Frage, wieviel man sich von dem eben Gelesenen merken kann, stellt sich unabhängig vom Medium (Tageszeitung, blog, …). Und die Welt besteht nicht schwarz-weiß aus ewig hinterherhinkenden Tageszeitungslesern und top-aktuell informierten Netz-Affinen. Das Ideal sich über viele Kanäle auf dem Laufenden zu halten (hier werden z. B. “Tagesschau, 10vor10 sowie Nachrichtenportale, Twitter und Blogs” genannt”) gilt sowohl digital als auch analog.

    • Hallo hp, danke für deinen Kommentar. Ich denke auch, dass eine Schubladisierung von Lesern keinen Sinn macht. Das war auch nicht mein Ziel mit diesem Artikel. Es war lediglich eine persönliche Aussage und mit ein paar Begründungen, warum ich kein Zeitungsabo habe. Und auch ein paar Fragen an Zeitungs-Abonnenten, um gewisse Vorstellungen die ich habe, besser einordnen zu können.

      Das mit dem “sich merken können” ging eigentlich nur in die Richtung, weil mir ja eben vorgeworfen wurde, nicht informiert zu sein (also keine Ahnung zu haben) und mit dieser Frage wollte ich einfach den Spiess umdrehen und fragen, ob man denn so viel besser informiert ist, wenn man es gedruckt gelesen hat (es nützt ja nur etwas, wenn diese vielen Infos irgendwo hängen bleiben). Wenn ich so schnell schnell 80-90% einer Zeitung überfliege und nur 10-20% richtig lese, weiss ich effektiv nicht, wieviel von den gesamten 100% mir im Gedächtnis bleibt. Wenn ich jedoch bewusst online Artikel auswähle und diese lese finde ich schon, dass mir das meist gut hängenbleibt. Ist das denn weniger, als die 10-20% einer Zeitung? Darum meine Frage.

  12. Wie sich jemand informiert oder nicht informiert bleibt jedem frei – glücklicherweise. Schade finde ich es aber, wenn man seinen Standpunkt durch teilweise falsche Argumente untermauern möchte:
    Der Umweltgedanke spricht in erster Linie GEGEN digitalisierte Information. Schaut man sich eine Gesamtbilanz an, in welche Energieverbrauch, Umweltbelastung durch Elektroschrott, massive Umweltvergiftung beim Abbau der Rohstoffe für die Elektronik und ähnliches einbezogen werden müssen, so sind Papierzeitungen unschlagbar.

    Zum anderen:
    Für ein persönliches Statement (“warum ich keine Tageszeitung abonniere”) wird im Laufe des Artikels mit Allgemeinplätzen argumentiert (“wieviel bleibt beim Leser hängen”). Das scheint eine sehr billige Argumentation.
    Liebe Frau Woodhatch – wenn Sie persönlich sich Dinge nicht merken können, dann dürfen Sie gerne auf Tageszeitungen verzichten. Nur schliessen Sie für ihren Standpunkt nicht plakativ auf andere. Und man darf durchaus fragen, ob man eine Politikerin unterstützen will, die gewissermassen von sich sagt, dass sie ein schlechtes Gedächtnis hat.

    • Danke Ralf für deinen Kommentar. Meine Frage, wie viel sich jemand merken kann, der täglich eine dicke Tageszeitung durchliest, war ganz ehrlich und in keiner Weise als Angriff gemeint. Wenn das so gewirkt hat, tut es mir leid. Warum Sie denken, ich könnte mir Dinge nicht merken, erschliesst sich mir wiederum nicht. Das war auf jeden Fall nicht das, was ich schreiben wollte.
      Ob ich persönlich eine/n PolitikerIn unterstütze oder nicht, hängt für mich in erster Linie mit der Übereinstimmung vertretenen Positionen/Werte, der Ehrlichkeit und gelebten Authenzität zusammen. Wenn für Sie das Gedächtnis einer Person in diesem Zusammenhang prioritär ist – darf es das sein. Wobei ich übrigens nicht den Eindruck habe, ein speziell schlechtes Gedächtnis zu besitzen.

  13. Danke für den Beitrag, ein bedenkenswertes Thema.
    Ich kenne das schlechte Gewissen, eine Zeitung kaum oder nicht gelesen ins Altpapier zu bringen, weil das Zeitunglesen einfach mehr Zeit kostet, als mal eben schnell in der Kaffeepause im Internet etwas zu überfliegen oder im Bus auf dem Smartphone den RSS-Feed zu checken. Andererseits: Wie viel Mist lesen wir ziellos beim Surfen, wie viel ueberfliegen wir nur und wie viel bleibt davon haengen (ganz analog zu Deiner Frage an die Zeitungsleser)?
    Ich werde demnächst wieder eine Zeitung abonnieren (die FAZ), weil ich im Internet eine gewisse Struktur vermisse: Vielleicht empfinden das viele mittlerweile als entbehrlichen Luxus, aber ich lasse mir gerne durch das Layout einer bewusst gestalteten Seite Papier mitteilen, welche Nachricht (in den Augen eines Nachrichtenprofis) wichtig ist, was nur eine Randnotiz – im Internet sieht alles gleich aus. Ich freue mich, wenn mir eine lesenswerte Meldung ins Auge springt, die ich nie und nimmer angeklickt haette. Auf diese Weise lässt sich unterm Strich sogar viel Zeit einsparen durch das Lesen in einer vorgefertigten Auswahl statt in unueberschaubarer Masse.
    Es gibt keinen Grund, das Angebot im Internet gering zu schätzen, gerade die Kommentarfunktion ist manchmal eine große Bereicherung. Die Zeitung hat aber auch ihre großen Stärken, gerade für “undisziplinierte” Leser wie mich.

  14. Mir fehlt hier noch ein ganz grundlegender Gedanke: Auch ich bin Nicht-abonnierer und bei mir ist es einfach deshalb, weil ich keine Tageszeitung kenne, die mir auch nur annährend nah genug an einer wahrhaftigen Berichterstattung ist. Derselbe Grund, weshalb ich auch kein Fernsehen schaue, übrigens. Twitter&Co? Auch nichts für mich, ich behalte meine Daten gerne für mich. Bilden tu ich mich außer durch selbst denken und Gespräche mit Freunden führen nur aus Büchern und Blogs, bei denen ich thematisch und qualitativ gut wählen kann. Dabei geht mindestens eine Stunde täglich drauf, allerdings betrachte ich das nicht als Verlust, sondern als Arbeit, denn unser aller Gedanken, Gefühle und Taten gestalten die Welt.

  15. Ich finde nicht, dass es in der Diskusion um die Zukunft des Journalismus nur darum gehen sollte, in welcher materiellen Form Nachrichten konsumiert werden. Insgesamt halte ich eine digitale Zeitung schlicht für praktischer, wenn sie die Stärke der Printangebote – das Layout – übernimmt.
    Mich interessiert mehr, wie Journalisten künftig bezahlt werden sollen, unabhängig von der Art des Artikels. Ich jedenfalls hätte kein Problem damit, online über ein benutzerfreundliches Bezahlsystem zur Kasse gebeten zu werden. Mir graut es vor dem Gedanken, künftig nur noch werbefinanzierten und damit abhängigen Journalismus vorgesetzt zu bekommen oder mich auf den Idealismus von Bloggern verlassen zu müssen, die ihr Hobby aus nachvollziehbaren Gründen von einem auf den anderen Tag einstellten können.

    • Danke Tobi für deine Gedanken. Die kann ich sehr gut nachvollziehen und das sind Fragen, die mich auch beschäftigen. Es ging mir hier jedoch in keiner Weise um dieses Thema. Wie in der Einleitung erwähnt ist dieser Blogartikel eigentlich in erster Linie eine Antwort auf einen Blogartikel eines Journalisten, der mich “an den Pranger gestellt” hat, weil ich politisch aktiv bin, aber keine Tageszeitung abonniert habe. Gemäss ihm ist es schlicht nicht möglich, ohne Tageszeitung wirklich informiert zu sein.

      Wenn mein Tag mehr Stunden hätte, würde ich sehr gerne eine Tageszeitung lesen. Mein Tagesablauf und meine Prioritäten sind einfach anders. Ich bin ein sehr geselliger Mensch und habe viele liebe Freunde und Bekannte, die ich regelmässig treffe. Dazu sehr viele Interessen und Aktivitäten – neben Politik halte ich auch Vorträge zu verschiedenen Themen, singe an Anlässen und gebe Massagen für Frauen. Dazu bewege ich mich sehr gerne auf Twitter (und teils auch Facebook, wenn es um Themen geht) und so füllt sich der Tag sehr schnell.

      Ich stimme dir übrigens zu. Wenn es ein benutzerfreundliches Zahl-System gäbe wäre ich auch sofort dabei, für gute Artikel zu bezahlen. Lass uns hoffen, dass die lieben Journis und Verlage endlich vorwärts machen in dieser Frage! Ist schon traurig, dass es noch nicht soweit ist, obwohl sich diese Entwicklung doch schon längere Zeit abgezeichnet hat…

      • Tania, mein Beitrag war auch gar nicht als Kritik an einer etwaigen Lücke deines Textes gedacht, ich wollte das Thema nur erweitern.
        Angeregt durch Deinen Artikel habe ich mich selbst – 26, gerade mit dem Studium fertig, an Politik und Kultur interessiert – mal gefragt, warum ich zwar eine Wochen-, aber keine Tageszeitung abonniert habe. Meine Antwort geht in eine ähnliche Richtung wie Deine. Zeitmangel würde ich zwar nicht als Argument sehen, einfach weil das Online-Lesen auf Blogs und/oder Nachtichtenportalen ebenfalls zeitaufwändig ist, aber ich lege Wert auf den breiten Einbezug unterschiedlicher Portale und damit Meinungen. Die gibt es gewiss auch in Zeitungen, doch eben immer bloß in den Grenzen des jeweiligen Redaktionsstatuts. Für mich wäre es ideal, weiterhin im Netz breit lesen und gleichzeitig per Micropayment pro Artikel zahlen zu dürfen.

  16. Auch wenn es sicherlich richtig ist, dass die Menschen immer weniger auf gedruckte Zeitungen zurückgreifen – wenn ich mit meinem Studentendasein fertig bin, wird wieder eine gedruckte Zeitung ins Haus kommen. Weil ich – vielleicht nicht unbedingt an mir selbst, aber doch an anderen – bemerkt habe, dass viele Informationen – auch relevanter Natur – untergehen zwischen dem, für das man sich “interessiert.”
    Ich schaue mir tagtäglich mehrmals die Seiten verschiedener Zeitungen an, darunter den Spiegel. Das hilft schon, über viele tagesaktuelle Sachen auf dem Laufenden zu bleiben. Wenn man sich allerdings – und da bin ich ehrlich, dass ist “meine” Meinung – nur über Twitter, Facebook und ein, zwei Blogs informiert, dann hat man schnell eine sehr viel begrentzteren Umfang. Wenn man sich hingegen – ob online oder Print spielt da keine Rolle – mal wirklich mit den “Zeitungen” beschäftigt und selbst wenn man nur die Überschriften überfliegt, ist man viel besser mit dem Wesentlichen aus Politik, Wirtschaft, und Gesellschaft versorgt. Diese Komprimierung von Information – je nach Zeitung auch relativ neutral – halte ich in Zeiten von Blogs und Co. (die ich selbst auch lese) für wichtiger denn je. Wer ein spezielles Sonderinteresse hat, kann sich dazu prima im Internet informieren. Wer gerne morgens, mittags, abends einen Rundumschlag möchte, der sollte besser die Homepages der renommierten Zeitungen aufsuchen. Dann fragt man auch nicht zwei Tage später: “Wie, Kurt Beck ist zurückgetreten?” In der Zeitung (Print und Online) ist das ein paar Stunden der Header und dann braucht man noch nicht einmal den Artikel gelesen zu haben, weiß aber zumindest, DAS es passiert ist.

  17. Ich lese immer noch regelmäßig zwei Tageszeitungen, ein lokales Käseblatt beim Frühstück, um zu wissen, was bei uns in der Gegend los ist und eine überregionale. Ich fahre täglich ca. jeweils 45 Minuten mit Bus und Bahn an meinen Arbeitsplatz und zurück und schaffe in dieser Zeit meistens, die Zeitung durchzulesen. Der Rest wird dann abends auf dem Sofa gelesen.
    Ich arbeite den ganzen Tag am PC und sehe mir dort auch manchmal aktuelle Meldungen an, aber das Lesen längerer Artikel am Bildschirm ist nicht ansatzweise so angenehm wie das Lesen auf gedrucktem Papier. Auch Bücher lese ich in der Regel direkt, nur Computerhandbücher etc. als PDF auf dem PC. Ich würde nie einen Roman am Bildschirm lesen, bei Comics mache ich das schon mal ab und zu.

    Ich bin allerdings schon 63 Jahre alt und vielleicht ist das ja auch eine Generationenfrage.

  18. Nach 30 Jahren habe ich das Abonnement der Tageszeitung gekündigt.
    Es war inzwischen soweit, dass ich als erstes die täglichen 4 Comicreihen (Peanuts, Kalvin & Hobbes, Blondie und noch was) aufgeschlagen habe.
    Die Schlagzeilen kannte ich ohnehin schon und den Text dazu auch.
    Lokales aus dem Stadtteil gab es nur minimal, hatte man doch vor Jahren alle Lokalredaktionen geschlossen oder derart verkleinert, dass Recherchepotenzial kaum noch da war.
    Im Rückblick von 30 Jahren war zudem festzustellen, dass die einstmals seriöse Zeitung im Laufe der Jahre immer mehr von der BILD-Zeitung stilistisch übernommen hatte.
    Ab und an kaufe ich mal eine und stelle fest, die Entscheidung war richtig.
    Es gibt immerhin noch das Radio und Fernsehen, beides auch Medien mit stilistisch negativem Trend und das Internet.
    Ich fühle mich in keinster Weise uninformiert und denke ich bin es auch nicht.

  19. Von einer guten Tageszeitung erwarte ich, dass sie mehr Themen bringt als SpiegelOnline auf der Startseite. Für Zeitungen wie die NZZ, FAZ, taz, Welt (die Zeit als Zeitschrift) gilt dies. Die Innenpolitik in Indien/Brasilien/Südafrika kommt im 08/15 -Nachrichtenstrom nicht vor. Diese Info veraltet nicht in 36 h.
    Als Background für die Bewertung einer (irgendwann mal passierenden) lokalen Krise (die in den Fernsehen mal 10 sec. bekommt) finde ich sie wichtig. Dafür zahle ich gern. Bei Twitter&Co sewhe ich das Problem in der Überhöhung der aktuellen Nachrichten (ja das Fensehduell Romney-Obama ist wichtig, aber das x-fache derInfo aus Pakistan finde ich unangemessen),

  20. Sprechen Sie von einer überregionalen oder von einer lokalen Tageszeitung in Ihrem Beitrag? Zu einer lokalen Tageszeitung gibt es für mich als lokal interessierten Bürger keine Alternativen. Lokalpolitische Debatten, Kleinkunsttermine vor Ort oder Berichte über Menschen, die ich kenne, finde ich weder bei Twitter noch sonst irgendwo online, zumindest dann nicht, wenn ich in einer Kleinstadt lebe, über die es nicht dutzende Internetplattformen gibt. Wenn ich also wissen will, was vor Ort gerade wichtig ist – was im Rat diskutiert wird, wo es gebrannt hat, welche Volksfeste anstehen, was auf der kleinen Dorfbühne gezeigt wird – dann kann ich im Internet unheimlich viel Zeit damit verdödeln, das alles rauszukriegen, während meine Lokalzeitung mit das komprimiert auf einen Blick (oder meinetwegen auf zwei, drei Blicke) bietet. Ich gebe Ihnen recht, dass man die überregionale Berichterstattung in Tageszeitungen oft vernachlässigen kann, weil man durch Internet oder Fernsehen schon informiert ist. Bei Interesse an lokalem Geschehen sieht das für mich aber gänzlich anders aus.

  21. Ich finde es ja wunderbar, was sich da an Debatte entspinnt. Scheint so, als läge im Thema Zündstoff drin.

    Tania, ich bin mit dir leider überhaupt nicht einverstanden. Nicht so sehr, was deine persönliche Aversion gegen klassische Zeitungen betrifft. Schliesslich ist es jedem unbenommen, sich zu zu informieren oder nicht zu informieren, wie er oder sie es für richtig hält.

    Was mich stört, ist die implizite Botschaft, Leute, die wie A. Gossweiler argumentieren, seien im Prinzip von gestern und hätten den Anschluss an das verpasst, was du “Gratiszeitung-Generation” nennst. Das finde ich etwas anmassend. Ich hoffe übrigens von ganzem Herzen, dass es so etwas wie eine Gratis-Zeitung-Generation nicht gibt.

    Ich werde jetzt keine ellenlange Replik verfassen, sondern nur ein Beispiel dafür geben, warum es die altmodischen, unhandlichen, umfangreichen, teuren (alles relativ) Zeitungen auch heute noch braucht.

    Letztes Jahr war ich in Italien in den Ferien. Da ereignete sich unfassbares: Das Neutrino flog mit Überlichtgeschwindigkeit vom Cern in Genf zum Gran Sasso in den italienischen Abruzzen. Die Skepsis über diese Sensation war gross, auch bei den Forschern selbst (sie hat sich schliesslich als berechtigt erwiesen), man schloss Messfehler nicht aus. Dennoch erregte die Nachricht Aufsehen.

    Die damalige Wissenschafts- und Erziehungsministerin der Regierung Berlusconi war so überwältigt von der grossartigen Leistung des Forschungsteams, an dem auch italienische Forscher massgeblich beteiligt waren, dass sie ein Communiqué veröffentlichen liess. Darin wies sie darauf hin, dass es dank italienischer Ingenieurskunst und den von der italienischen Republik beigesteuerten 45 Millionen Euro möglich war, in kürzester Zeit einen Tunnel von Genf in die Abruzzen zu graben, um das Neutrino mit besagter Überlichtgeschwindigkeit durchzujagen.

    Unnötig zu erwähnen, dass es einen solchen Tunnel nicht gab und auch nie geben wird. Er wäre übrigens 730 km lang (zum Vergleich: Der Gotthard-Basistunnel, dereinst der längste Eisenbahntunnel der Welt, misst eine Länge von 57 km. Mit dieser Geschichte hat sich also die italienische Forschungsministerin vor dem ganzen Land lächerlich gemacht.

    Könnte man meinen. Als ich aber nach den Ferien meine Eltern auf die Sache hinwies und mit ihnen spotten wollte, musste ich feststellen, dass sie von der ganzen Angelegenheit, die während Tagen die renommiertesten italienischen Zeitungen füllten, nichts mitbekommen hatten. Sie hatten sich nur via TV informieren lassen, und dort war von der Peinlichkeit der Regierung Berlusconi, über die auch im Ausland gelacht wurde, nicht die Rede.

    Und was will ich damit sagen: Hier zeigt sich, was es bedeuten kann, wenn man keine unabhängigen, qualitativ hochstehenden Zeitungen liest. Und das ist etwas, was die Italiener in ihrer grossen Mehrheit seit langem nicht mehr tun. Man bekommt nicht mehr ein vollständiges Bild des Geschehens und wird anfällig für Manipulationen jeder Art. Nun ist die Schweiz nicht Italien, mag man einwenden. Das stimmt, aber manchmal überschätzt man die Höhe des Rosses auch ein wenig, auf dem man sitzt.

    Ich war auch dieses Jahr in Italien, habe fast jeden Tag Zeitung gelesen, mal die Repubblica, mal den Corriere della sera, mal beide. Immer nur einen Bruchteil dessen, was drin steht. Manches verstand ich nicht so richtig, weil die italienische Zeitungssprache gewöhnungbedürftig und die italienische Innenpolitik reichlich verwirrend ist. Und dennoch hatte ich das Gefühl, immer bestens informiert zu sein.

    • Danke Daniel für deinen Kommentar. Es liegt mir fern, Menschen, die Tageszeitungs-Abonnenten sind, in irgend einer Form zu kritisieren oder gering zu schätzen. Im Gegenteil. Ich finde es toll, wenn jemand sich in der heutigen schnelllebigen Zeit noch die Zeit nimmt, täglich in Ruhe eine Zeitung zu lesen. Darum geht es mir hier also ganz und gar nicht. Ich möchte mich nur nicht fast schämen müssen für eine Tatsache, die bei 30-Jährigen und darunter fast normal ist. Und möchte aufzeigen, dass man auch ohne Tageszeitung durchaus eine interessierte und informierte Person sein kann.

      Und ich finde es eher im umgekehrten Fall eine arrogante Haltung von Herrn Gossweiler, mich und alle anderen in einen Topf zu werfen und zu meinen urteilen zu können, dass wir keine Ahnung haben. Was an meinem Blogpost genau anmassend ist, weiss ich nicht. Du kannst es mir gerne erklären, welchen Abschnitt du meinst. Es ist halt manchmal so, dass der Sender und der Empfänger unter den gleichen Worten dann doch nicht das Gleiche verstehen….

      Ich habe (aus meiner Sicht) lediglich eine ehrliche, wirklich ernst gemeinte Frage gestellt, weil ich schlicht nicht weiss, wie es ist, tagtäglich einen Tagi und eine NZZ zu verschlingen – nur schon die Vorstellung von so viel Papier und Infos überfordert mich. Wiederum – wie gewisse hier schreiben – dann lediglich 10-20% davon zu lesen, fände ich wohl fast eine Verschwendung, doch 80-90% des Inhaltes einer Zeitung nicht zu lesen – auch das wäre für mich ein Argument gegen ein Abo.

      Ich habe übrigens ein freundliches Mail von einem Herrn der Sonntagszeitung bekommen, der diese Debatte mitbekommen hat und ich erhalte nun ein Probeabo. Bin sehr darauf gespannt. Mal schauen, ob ich eine passende Sonntagszeitung finde – das “Zeitungslesen-Feeling” – wenn man dafür genug Zeit (und Platz) hat, ist eigentlich was sehr Schönes und Gemütliches. Und da sie nicht jeden Tag kommt, gibt es keinen Turm von ungelesenen Zeitungen, der ein schlechtes Gewissen hervorrufen könnte.

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  23. sehr interessanter Artikel zu einem interessanten Thema unserer Zeitgeschichte. Zusätzlich zu einem dicken Lob besonders für den Artikel selber, und auch für deinen angehemen Umgang mit den Comments (so konstruktiv und respektvoll wie hier ist dies ja eher eine Seltenheit geworden) hätte ich noch ein paar Anmerkungen, die auf meinem Umgang mit den Medien beruhen (habe eine Tageszeitung abonniert und bin viel im Netz unterwegs, Alter: 29):
    – Wie bereits in den Kommentaren mehrfach erwähnt würde ich die Merkfähigkeit der neuen Medien nicht höher bewerten als dies bei Zeitungen der Fall ist. Lese ich Artikel im Netz, bin ich viel schneller abgelenkt, vor allem durch das Überangebot an ‚anklickbarem‘ auf solchen Seiten, sowie durch die Funktion des verlinken im Text. Dies ist zwar ein erheblicher Vorteil der neuen Medien, führt in meinem Fall aber auch oft dazu dass ich den Ursprungsartikel aus den Augen verliere, weil ich den Links folge.
    Lese ich hingegen eine Zeitung, nehme ich mir Zeit (nicht immer ist eine Std. machbar) und lese ganz bewusst ohne Ablenkung.
    – Im Bereich der tagesaktuellen Meldungen hast du auf jeden Fall Recht, da hinken die Zeitungen einfach zeitlich hinterher und sind daher auch schon nicht mehr so aktuell wie es im Netz der Fall ist. Diese interessieren mich aber auch nicht so sehr an meiner Tageszeitung. Dafür umso mehr der Lokalteil (Kleinstadt in Deutschland) wo ich zu Themen aus meiner Region / Stadt informiert werde. Dies ist im Internet nicht in dieser Ausführlichkeit gegeben.
    – Da ich den den ganzen Tag am PC arbeite, finde ich das lesen auf einem Druckerzeugniss wirklich entspannend und es macht Spaß (alleine das knistern und falten )

    Mit freundlichen Grüßen, Janis

  24. Ich aboniere erst wieder eine Tageszeitung, wenn der Kulturteil mindestens so umfangreich wie der Sportteil ist – also NIEMEHR!

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