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Die Macht der Werbeindustrie und die Verantwortung der Politik

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Die Macht der Werbeindustrie und die Verantwortung der Politik

Ich habe mir kurz überlegt, ob ich ein solches „Frauen-Thema“ überhaupt auf meinem politischen Blog veröffentlichen soll oder nur auf meiner Website über Frauen-Vorträge. Dann fand ich aber: doch. Erstens ist ja etwas mehr als die Hälfte unserer Bevölkerung weiblich und zweitens: Kein Mann, der nicht von Frauen umgeben ist (Mutter, Schwester, Ehefrau, Freundin) und somit betrifft dieses Thema letztendlich alle und ist nicht nur eine „Randerscheinung“.

Letzten Sonntag war ich in Huttwil (BE) um vor rund 300 jungen Frauen zusammen mit Jasmin Rechsteiner, Miss Handicap 2010, ein Interview über Selbstwert zu geben. Es macht mir zu schaffen, wieviele Frauen unter Essstörungen leiden und ihren eigenen Körper verstossen. Besonders junge Frauen sind in diesem Bereich sehr verletzlich und anfällig, da sie im Vergleich zu meiner und der noch älteren Generation bereits ungleich früher mit krassen und unerreichbaren Schönheitsidealen konfrontiert, ja sogar bombardiert werden.

Deshalb war es den Organisatoren des „Girlicious Camp“ (Wochenende von Tänzerinnen und Leiterinnen aus der ganzen Schweiz von Roundabout, einem Streetdance-Netzwerk) wichtig, eine andere, positivere Botschaft auszusenden: Auch wenn du anders bist, als es die Norm oder die Gesellschaft verlangt – du kannst ein erfülltes und glückliches Leben haben. Es definiert sich nicht alles über das Aussehen – auch wenn gewisse Branchen uns das glauben lassen möchten.

So erzählten Jasmin und ich (in meiner Rolle als Vize-MissMolly 2004) von unseren eigenen Erfahrungen und wichtigen Schlüsselerlebnissen, wie wir mit diesen Zweifeln und Schwierigkeiten umgingen und vom Prozess, wie wir dann zu einem gesunden Selbstwert gefunden haben.

Ein thematisieren dieser prekären Situation (z.B. in Form von solchen Anlässen) ist bitter nötig, denn sogar schlanke Frauen wie aus dem Katalog sind von der Unzufriedenheit ihrem eigenen Körper gegenüber betroffen. Wen wunderts? Kaum ein Plakat oder Titelseite eines Magazins, wo das Foto nicht retouchiert wurde. Frauen haben keine Orangenhaut, keine Falten, keine Augenringe und vor allem: keine Poren mehr. Wer sich mit diesen Bildern vergleicht, wird immer verlieren und sich schlecht fühlen. Wieso müssen Fotos (teilweise) so unkenntlich verändert werden? Scheinbar verlangt „die Branche“ dies. Aber wer ist „die Branche“?

Dieselbe Branche, die fand, dass unsere Miss Schweiz Kerstin Cook mit einem eigentlich schon fast untergewichtigen BMI von rund 19 noch mehr abnehmen müsse, weil sie für Werbung „zu dick“ sei…! Wollen wir wirklich nur noch perfekte Körper und Gesichter sehen, deren „Vollkommenheit“ wir nie erreichen können und uns dabei ständig unglücklich fühlen – im schlimmsten Fall uns wegen solch „kleinen ästhetischen Dingen“ sogar gefährlichen Operationen unterziehen? Das ist einfach krank und es muss ein Umdenken in unseren Köpfen stattfinden.

Um das zu erreichen, muss die Politik aktiv werden und eingreifen, da es scheinbar keine natürliche oder gesunde „Selbst-Regulation“ in der Werbeindustrie gibt. Die „Branche“ – wer auch immer das genau ist – wird über kurz oder lang unsere Gesellschaft zerstören, wenn sie weiterhin solch kranke Schönheitsideale propagiert. Der Schutz und die Erhaltung einer gesunden Persönlichkeit sollte auch ein klares politisches Ziel unseres Landes sein.

Ein Schritt in diese Richtung machte die junge EVP (*jevp) als sie 2006 die Petition „Freie Sicht“ gegen sexistische Werbung lancierte. Bis im Dezember 2006 konnten 17’745 Unterschriften gesammelt werden. Der damalige Nationalrat Heiner Studer reichte anschliessend eine parlamentarische Initiative ein, welche ein Verbot von übersexualisierter und geschlechterdiskriminierender Werbung bringen sollte. Leider wurde daraus nichts, wohl im Namen der „Freiheit“. Dass aber diese „Freiheit“ der einen die Identität von anderen nachhaltig und gravierend schädigt (Zahlen, Statistiken, Beispiele gibt es ja genug!), spielt wohl keine Rolle…..! Das ist doch einfach nur traurig und beschämend, wie wenig uns der Schutz von jungen Frauen (auch junge Männer sind zunehmend betroffen) wert ist.

Wer sich vertieft mit dem Thema auseinander setzten möchte findet hier einen Link zu einem tollen Video von Dove, einen berührenden Blog-Artikel einer jungen Frau sowie ein anderes eindrückliches Video über die verheerende Rolle der Werbeinstrustrie in unserer Gesellschaft.

5 Comments

  1. Gut, dass du dieses Thema ansprichst. Das Ideal eines dürren knochigen Kleiderständers darf einfach nicht wahr sein. Diese Menschen mögen vielleicht als Kunstobjekt eine gewisse Ästhetik ausstrahlen (das tun die Figuren von Alberto Giacometti auch), aber als menschliche Persönlichkeit habe ich höchstens Lust, diese zu füttern.
    Wie sagt man(n) jeweils so schön chauvinistisch: “ich will mir doch keine blauen Flecken holen beim … !”

  2. Hallo Tania

    Finde deinen Artikel sehr gut, kann dir zu einem sehr grossen Teil auch beipflichten.
    Mich erschreckt es immer wieder, dass junge Frauen dem Magerwahn regelrecht nachhungern. Sendungen wie GNTM suggerieren den Trend immer weiter. Auch wäre ich gern etwas schlanker, aber es gibt halt auch Grenzen… und diese Grenzen werden immer mehr überschritten. Pro Ana und Pro Mia genügen als Stichworte.

    Auch wenn ich den Gedanken, die Politik müsse dieses Problem lösen, verstehe, kann ich dem nicht zustimmen. Dass ist ein Problem, welches von der Mode-Industrie bzw. von unserer Gesellschaft gelöst werden muss. Damit meine ich, dass es gezielte Werbekampagnen braucht, welche dem Magerwahn Paroli bieten.

    Man könnte natürlich sanktionieren (also die Mode-Industrie), jedoch wird das nicht viel bringen. Verbote bewirken immer das Gegenteil.

    Ich bin freiheitlich, darum sollen keine solchen Verbote verhängt werden.
    Jedoch befürworte ich ein entsprechendes Gegenbild. Und da würde ich auch sofort mithelfen 😉 Meiner Meinung nach muss einfach an den gesunden Menschenverstand appelieren. Und wenn Männer Frauen lieben, mit Kurven… so soll man doch das auch entsprechend vermarkten können…!!?? 😉

    • Wikipedia sagt: Das Wort Politik bezeichnet die Angelegenheiten, die die Einrichtung und Steuerung von Staat und Gesellschaft im Ganzen betreffen.
      Und die Problematik betrifft den Staat und die Gesellschaft im Ganzen. Es verdienen immens viele an den Schlanken (Mode- und Schönheitssektor, Glanz und Glamour, Foto/Presse). Es verdienen viele Anbieter von Diäten, Kuren, Sport aller Art (inkl. aller wichtigen “Utensilien” die es dazu braucht: der richtige Schüttelbecher, der richtige Schuh etc. Das sind auch wieder Arbeitsplätze. Primär in China o.ä. aber der Importeur ist Schweizer) Andrerseits verursacht diese Art von Werbung so viel Leid. Ich war bei den Anonymen Esssüchtigen, wobei ca. 4/5 Magersüchtig oder Ess-Brechsüchtig waren, weil die nicht zunehmen wollten. Ich gehöre zum letzten Fünftel. Ich war mollig und wurde durch Mitmenschen und Werbung dick geredet und dick therapiert.
      Das Leid von Essgestörten beschert viele Kosten (okay auch Arbeit). Aber eben: sehr viel Kosten, sehr viel Leid, sehr viel Unverständnis, oft bis zur letzten Konsequenz: dem Tod des Betroffenen. Verursacht mitunter (zum grossen Teil) durch Werbung und Medien.
      Ich gönnen diesen Ihr Geld und Ihre Arbeit und Ihren Erfolg. Muss es aber so sein?

  3. Merci. Gutes Thema.

    Sei es in Modezeitschriften (auch für Männer), Kaufhauswerbung, ja selbst Schaufensterpuppen, alle dünn. Wo sind die korpulenteren “Modelle” zu sehen? Einzig Dove ist mir bekannt, die etwas Werbung mit molligeren Menschen macht.
    Interessant wäre auch das Thema “Bullimie & Esssucht” bei (jungen) Männern.

    Grüsse

  4. Die Werbeindustrie versucht auch in anderen Bereichen v.a. junge Menschen zu verführen.
    Besonders stossend empfinde ich die Tatsache, dass insgesamt mehr als die Hälfte aller Vereine der obersten Ligen im Schweizer Eishockey und Fussball von der Alkoholbranche gesponsert und entsprechend aggressiv beworben werden.
    Wenn dann eine besoffene 19-Jährige tragischerweise ausgerechnet einen jungen Eishockeynationalspieler über den Haufen fährt, hallt ein Schrei des Entsetzens durch die Schweiz…

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